Leipzig und das Virus – zur Außenwirkung der Buchbranche

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Meinungs- und Unmutsbekundungen der Betroffenen – das Für und Wider der Absage

Als Buchwissenschaftler und auch als Consultant mit Schwerpunkt Medienbranche trifft mich die Absage der Buchmesse in Leipzig einigermaßen heftig. Das ist für mich Anlass genug zu fragen, warum das eigentlich so ist? Einerseits frage ich mich als Einzelperson, welchen Hintergrund meine Enttäuschung eigentlich hat – und andererseits frage ich mich, wieso innerhalb der Branche (im Vorfeld der endgültigen Absage) die Absage so vehement gefordert wurde, und nach der Absage dieselbe so bedauert wurde?

Wahrscheinlich sind wir hier lediglich Zeugen einer zeitverzögerten emotionalen Mobilisierung. Diejenigen, die ohnehin gegen eine Ausrichtung der diesjährigen Messe waren, äußerten ihre Angst, dass die Messe trotz Corona stattfinden würde in Form von Kommentaren und öffentlichen/veröffentlichten Stellungnahmen bereits im Vorfeld deutlich. Diejenigen wiederum, die eine Ausrichtung der diesjährigen Messe als beste Lösung ansahen und Angst vor einer Absage hatten, meldeten sich in ihrer Frustration erst nach der tatsächlichen Absage zu Wort.

Dieser Modus von Kommunikation – oder vielmehr Meinungs- und Unmutsbekundung – erscheint mir einigermaßen symptomatisch, sowohl im größeren gesellschaftlichen als auch im Branchenkontext. Denn auch wenn sich die Branche (vermutlich insbesondere wegen ihres schöngeistigen Selbstverständnisses) besonderer Besonnenheit rühmt, scheint diese Besonnenheit bei der Beurteilung der Vorgänge unterausgeprägt. Wohl auch, weil es hier eben nicht um eine intellektuell zu durchdringende Sachlage, sondern um Angst bezüglich der eigenen Gesundheit geht. Da die Ausprägung von Ängsten zumeist losgelöst von der Stärke des Auslösers ist, steht auch die Sinnhaftigkeit oder Verständlichkeit artikulierter Ängste nicht zur Debatte. Es geht in diesem kurzen Blogbeitrag ja auch nicht um ein „richtig“ oder „falsch“ – eine solche Beurteilung steht Externen  bzw. Unbeteiligten gar nicht zu.

Worum es geht, ist etwas völlig anderes. Denn ja, man kann über die Absage der Leipziger Buchmesse streiten, ebenso über die des Salon du Livre oder auch der London Book Fair. Und das sollte man auch gerne tun. Aber man sollte auch dringend schauen, was die Gründe für diese lautstarken Äußerungen sind: Da kann man durchaus Unangenehmes entdecken – in Rückbezug auf die gesamte Branche wie auch auf das Selbstverständnis der Akteure. Daraus wiederum lassen sich ganz konkrete Probleme der gesamten Branche wie auch ihrer Akteure ableiten. Diese sollen im Folgenden kurz beleuchtet werden, denn die abstrahierende Betrachtung von Argumentationsmustern fördert Interessantes zutage.

Welcher Wert wird Messen in der Buchbranche zugeschrieben? Vor allem, warum?

Als schwerwiegendes Problem der Buch- und weiteren Medienbranche extrahiert sich hier vor allem Folgendes heraus: Wenn auf ein einzelnes Event innerhalb eines gesamten Geschäftsjahres so viel Erwartung projiziert wird, fällt eine Absage dieses Events umso stärker ins Gewicht. Wenn also argumentiert wird, man könne die Leipziger Buchmesse schon allein deshalb nicht ausfallen lassen, weil sie so eine enorme Bedeutung für die gesamte Branche hätte, lässt dies auf eine gewisse Schieflage innerhalb der Branche schließen. Denn so ist entweder die Erwartungshaltung gegenüber dem Event – auf der ökonomischen wie ideellen Ebene – völlig überfrachtet, oder die Unternehmen sind zu sehr vom einem Einzelanbieter einer spezifischen Dienstleistung abhängig.

Nun wissen wir aber alle, dass der Ausfall der Leipziger Buchmesse für kaum ein Branchenmitglied mit solchen wirtschaftlichen Folgen behaftet ist, dass es existenziell bedroht ist. (Wenn dem übrigens so ist, war schon die Entscheidung für die Teilnahme an der Messe mit diesen existenzbedrohenden Vorinvestitionen eine unternehmerische Fehlentscheidung.) Das bedeutet im Umkehrschluss, dass an die Buchmesse übersteigerte Erwartungen geknüpft sind, die mit ihrer ökonomischen Bedeutung für die einzelnen Firmen nur in loser Beziehung stehen. Zumindest für diejenigen, die von Vornherein für die Absage waren. Über diejenigen, die trotz aller Umstände für eine Ausrichtung der Messe plädierten, ihre Beweggründe und Intentionen lässt sich nur spekulieren.

Festzuhalten ist allerdings: Wenn der Ausfall der Messe kostenseitig niemanden existenziell trifft und die zudem ausbleibenden Umsätze aus den Messe- und deren Anschlussgeschäften keine derartige Bedeutung für die Jahreskalkulation haben – aber dennoch so viele Branchenteilnehmer gegen die Ausrichtung der Messe waren – ist die Bedeutung der Messe für die Branche eben nicht ökonomischer Natur, sondern ideeller.

Und hier wird es spannend. Wenn es, salopp formuliert, nicht um Geld geht, sondern um das Sehen, Gesehenwerden, die informelle Kommunikation am Rande der Messe, bei Veranstaltungen und Empfängen, bei Keksen, Kaffee und Sekt – warum sagt man es nicht einfach? Warum betont man immer wieder die essenzielle Bedeutung der Buchmessen für die Branche? Warum nennt man das Kind nicht beim Namen und sagt, dass es eben – nicht ausschließlich, aber zu einem guten Teil – ein Fixpunkt im Jahreskalender ist, der dem Pflegen von Bekanntschaften, Freundschaften und Feindschaften dient? Diese Sichtweise auf die Buchmesse in Leipzig würde ein Großteil der Anwesenden jedoch vehement verneinen. Aber was ist es dann, welchen Grund für ein Zusammentreffen der Buchbranche kann es noch geben?

Denn seien wir ehrlich: 90% der Dinge, die auf den Messen präsentiert werden, sind den relevanten Teilnehmern der Messe entweder bereits bekannt oder benötigen schlichtweg nicht den Rahmen einer Messe, um präsentiert zu werden. Schon an den 360 verbleibenden Tagen des Kalenderjahres beobachten die professionellen Marktteilnehmer ihre Konkurrenten, deren Produkte und Angebote mit Argusaugen; die Leipziger Messe benötigen die Unternehmen mit Sicherheit nicht, um zu erfahren, was um sie herum passiert. Zuletzt hätten die Teilnehmer zu allem Überfluss noch eine ganze Menge weiterer Messen zur Verfügung um genau das Gleiche zu tun… Es geht also nicht um Geld, nicht um das simple „Dabei sein“, auch nicht um Marktbeobachtung. Wenn es um all diese Dinge nicht geht, bleiben nicht mehr allzu viele Dinge, um die es gehen kann.

Unter der Lupe wirken auch kleine Dinge groß

Der gemeinsame Nenner ist: Aufmerksamkeit. Die Buchbranche erfährt (wie bei wenigen Gelegenheiten sonst im Jahr) eine mediale und öffentliche Aufmerksamkeit, die in keinem Verhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Bedeutung steht. Ganz im Gegenteil: Die Asymmetrie zwischen tatsächlicher wirtschaftlicher Bedeutung und medialer Berichterstattung ist völlig übertrieben. Daraus wiederum folgt naheliegenderweise, dass es auch bei der Berichterstattung über die Buchbranche einerseits und der öffentlichen Wahrnehmung von der Buchbranche andererseits keinesfalls um die ökonomische Dimension derselben geht.

Somit geht es am ehesten um zwei spezifische Dinge: 1. Die Rückversicherung der Buchbranche darüber, dass sie – neben der ökonomischen Funktion der Wertschöpfung – eine bedeutsame gesellschaftliche Aufgabe hat und 2. Die Rückversicherung der Gesellschaft darüber, dass diese – neben dem Streben nach wirtschaftlichem Fortschritt – auch einen überzeitlichen Wertehimmel zur Orientierung und Entwicklung nutzt, vermittelt über Bücher. Kulminationspunkt dieser diffusen Bedürfnisse sind sowohl Existenz von als auch Aufmerksamkeit für die zahlreichen Literaturpreise, aber das ist ein zu weites Feld

Eine Buchbranche, die der Gesellschaft derart nützlich ist (oder es zumindest potenziell sein könnte), hat trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine unbestreitbare Daseinsberechtigung. Und eine Gesellschaft, die eine vielfältige, allerdings teils dysfunktionale Buchbranche über deren eigentliche ökonomische Bedeutung hinaus derart wertschätzt, kann so verkommen nicht sein. Eine klassische Win-Win-Situation. Dieser Chance sieht sich die Branche beraubt.

Wie nachhaltig und langfristig dieser Trend allerdings angesichts sozialer Erosionstendenzen ist, sei dahingestellt. Die eigene Arbeitsbiografie als Bezugsrahmen zu nutzen greift in jedem Falle zu kurz, insbesondere, wenn man die bereits vollzogenen sozialen, technischen und ökonomischen Umbrüche der letzten 15 Jahre betrachtet…