Willkommen in Tanaland. Oder: Das Versagen in Planspielen…

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Die Welt ist voller Bilder, Abbildungen und Grafiken. Wir sind umringt von ihnen und werden von ihnen überflutet. Nahezu jeder – im Wortsinne: denkbare – Inhalt kann grafisch aufbereitet werden. Das klappt nicht immer gut, oftmals sind Grafiken unverständlich, manchmal sogar sinnlos. Aber: Wir alle kennen seltene Grafiken, die auf uns wirken wie ein Leuchtturm. Sie geben uns dringend benötigte Orientierung, indem sie (abstrakt gesprochen) eine große Informationsmenge auf das situationsrelevante Mindestmaß zusammenkondensieren. Noch seltener hingegen sind Grafiken, die es auf herausragende Weise schaffen, komplexe Informationen so aufzubereiten, dass sie in den verschiedensten Situationen Hilfestellung bieten. Wir lesen aus diesen Grafiken mehr heraus als eigentlich darin steht. Sie wirken nicht wie ein Leuchtturm, sondern sie dienen als Kompass: Ein einzelner Leuchtturm hilft nur an einer Stelle, ein einzelner Kompass hilft an vielen Orten…

Dietrich Dörner, der Gestalter von Tanaland

Eine solche Grafik fand ich neulich bei der erneuten Lektüre von Dietrich Dörners Planspielen zu Tanaland. Dazu ein Exkurs: Versuchspersonen sollten in eigens entwickelten Computersimulationen dazu beitragen, der Bevölkerung des wenig entwickelten, fiktiven Tanalandes ein zukünftig besseres Leben zu ermöglichen. Dazu stand den Versuchsteilnehmern eine große Bandbreite an Eingriffsmöglichkeiten zur Verfügung, von der Verbesserung der medizinischen Grundversorgung bis hin zur Schaffung neuer Bewässerungsmethoden. Sie sahen sich einer sehr komplexen Situation ausgesetzt, denn – wie im echten Leben auch – erzeugte jede Handlung bestimmte Folgen. So zog bspw. das Bohren neuer Brunnen zur Verbesserung der Wassersituation der Rinder (die ein wichtiges Exportgut Tanalandes waren) eine entsprechende, zeitlich verzögerte Absenkung des Grundwasserspiegels nach sich. Wie alle komplexen Situationen zeichnete sich das Szenario somit nicht nur durch direkt ersichtliche Ursache-Wirkungs-Ketten, sondern durch versteckte, aber durchaus erkennbare Ursache-Wirkungs-Netzwerke aus.

 

Wenn Probanden in Planspielen versagen

Die meisten Probanden gingen reichlich zuversichtlich in die Simulation. Sie hielten die Abhängigkeiten und Wechselwirkungen für abseh- und handhabbar. Die Zuversichtlichkeit der Teilnehmer änderte allerdings nichts daran, dass die meisten Versuchspersonen krachend daran scheiterten, die Lebensbedingungen der Bevölkerung nachhaltig und langfristig zu verbessern. Vielmehr war es so, dass die Probanden die Einwohner Tanalands nach kurzer Zeit zuverlässig in ökologisch bedingte Hungerkatastrophen führten. Einem ökonomischen Aufschwung, der Erhöhung der Lebenserwartung, also einer ersten Verbesserung der Lebensverhältnisse folgte ein jäher Absturz durch die Übernutzung der Ressourcen. Das dahinterstehende Handlungsmuster identifizierte Dörner wie folgt: Die Probanden handelten lediglich auf der Grundlage von Kausalketten, nicht auf der Grundlage von Kausalnetzen. Sie begingen heute (mit der Motivation und dem festen Glauben daran, Gutes zu tun) Fehler, die sich erst in ferner Zukunft fatal auswirken würden. Ich verkürze hier, aber Sie können es selbst im Detail nachlesen.

Zurück zur Grafik und zwei wichtigen Fragen: Was war auf der Grafik zu sehen und warum dient sie als Kompass? Zur ersten Frage: Die Grafik zeigt die Entwicklung dreier Verhaltenselemente im Zeitverlauf: „Fragen“ an das Planspiel, „Reflexionen“ über das Planspiel und „Entscheidungen“ im Planspiel. Überwogen am Beginn des Planspiels noch die „Fragen“ und „Reflexionen“, d.h. machten sie den größten Teil der Verhaltenselemente aus, dominierte im weiteren Verlauf zunehmend das Element der „Entscheidungen“ das Verhalten der Teilnehmer. Gegen Ende des Versuchs nahmen Fragen und Reflexionen nur noch einen geringen Stellenwert ein. Anders ausgedrückt: Es wurde mehr gehandelt als gedacht, aus „Planern“ und „Denkern“ wurden „Macher“. Es entwickelte sich die vielgerühmte, aber umso gefährlichere „Hands-on-Mentalität“.

 

Warum Probanden in Planspielen versagen

Wie lässt sich das erklären und was ist so gefährlich daran? Der dahinterstehdende, probandenübergreifende Mechanismus ist der Folgende: Während am Beginn viel für die Bewohner Tanalands getan wurde – wer könnte schon etwas gegen eine bessere medizinische Versorgung haben, wenn sich dadurch auch die Lebenserwartung erhöht? – und die Probanden auch scheinbar Erfolg mit ihren Entscheidungen hatten, wurden sie sich der Richtigkeit ihrer Entscheidungen immer gewisser. Der Erfolg gab den Probanden ja schließlich recht. Sie glaubten deshalb, den Anteil der „Fragen“ und „Reflexionen“ an der Gesamtheit der Handlungselemente zugunsten der tatsächlichen „Entscheidungen“ verringern zu können. Damit begingen sie einen Fehler haezu apokalyptischen Ausmaßes… Das lag zum einen am großen Zeitverzug zwischen ihren Entscheidungen und deren Folgen (Brunnen bohren heute, Absenkung des Grundwasserspiegels frühestens in 10 Jahren). Zum anderen lag es an undurchsichtigen Kausalbeziehungen im Ursache-Wirkungs-Netzwerk. Die Beziehung zwischen Brunnen und Grundwasserspiegel war für die Teilnehmer während des Versuchs in Ansätzen ersichtlich: Ursache und Wirkung. Dahingegen blieben die netzwerkartigen Beziehungen zwischen einer verbesserten Lebenserwartung und einer Hungerkatastrophe undurchsichtig. Dabei sind Abhängigkeiten und Wechselwirkungen bei näherer Betrachtung völlig klar:

Erhöhte Lebenserwartung führt zu

höherer Geburtenrate führt zu

höherem Nahrungsmittelbedarf führt zu

mehr Rinderzucht und Hirseanbau führt zu

stark erhöhtem Wasserbedarf führt zum

Bohren nochmals neuer Brunnen führt zu

noch schnellerer Absenkung des Grundwasserspiegel führt zum

Versiegen der Brunnen führt zum

Zusammenbruch der Nahrungsmittelproduktion führt zur

Hungerkatastrophe.

Neben der Tatsache, dass der Erfolg den Probanden anfänglich scheinbar recht gab, zeigte sich im weiteren Verlauf ein weiteres Problem. Als die Versuchsteilnehmer nämlich irgendwann erkannten, dass es Missstände gab (die zukünftige Katastrophe sahen sie dennoch nicht), machten sie sich an die Beseitigung dieser Missstände. Dies taten sie aber nicht, indem sie fragten oder reflektierten, was idealerweise gegen diese Missstände zu tun wäre. Nein, sie taten dies – oder vielmehr taten sie es nicht – indem sie einfach entschieden, was am besten gegen diese Missstände zu tun wäre. Spätestens an diesem Punkt war eine Entkoppelung von Problemen und Problemlösungsstrategien deutlich erkennbar.

 

Noch schlimmer: Wenn Unternehmer im echten Leben versagen

Letztlich waren die Simulationsteilnehmer nicht in der Lage, mit einer Anpassung der eigenen Problemlösungsstrategie zu reagieren, weil sie im Vorfeld ein falsches Verhaltenselement – nämlich das „Entscheiden“, gegenüber dem „Fragen“ und der „Reflexion“ – für ihren Erfolg verantwortlich machten. Aus dieser ursprünglichen Fehleinschätzung entwickelte sich alles weitere in negativer Richtung. Bspw. verfielen die Teilnehmer bezüglich der Brunnen-Grundwasser-Beziehung in Aktionismus: Das Handlungsmotiv „Wasserversorgung sichern“ wurde entscheidungsleitend, alles andere stand dahinter zurück. Daraus ergaben sich aber lediglich noch mehr Probleme.

Die Versuchsteilnehmer machten diese strategischen Fehler aus mehreren Gründen mit gravierenden Folgen: 1. Sie verkannten, dass sie sich in einer völlig neuen Situation befanden und beharrten außerdem darauf, sich immer noch in der alten Situation zu befinden: Die Realität sollte sich gewissermaßen an ihrer erprobten Problemlösungsstrategie ausrichten. 2. Sie isolierten die Missstände voneinander, um einen „besseren Überblick“ zu bekommen. Damit verfielen sie immer tiefer in das Denken in Ursache-Wirkungs-Ketten statt in Ursache-Wirkungs-Netzwerken. 3. Sie zogen sich auf einen gewissen Zynismus zurück und erkannten damit eine Unveränderlichkeit der Umstände an, obwohl es diese Unveränderlichkeit objektiv nicht gab: „So ist das eben.“ Damit verbauten sie sich zukünftige Handlungsoptionen. Diese drei Dinge führten wiederkehrend in die Katastrophe.

 

Erfahrungswissen ist nur in wenigen Fällen ernsthaft hilfreich

Nun zur zweiten Frage, warum diese Grafik ein Kompass sein kann. Die Grafik zeigt mit einfachsten Mitteln, wie fehleranfällig das menschliche Handeln in komplexen Situationen ist. Sie zeigt außerdem deutlich, wie man komplexe Situationen nicht lösen kann, nämlich mit dem Rückzug auf Erfahrungswissen. Dieses Erfahrungswissen ist zwar oftmals hilfreich, dient aber eher der Komplexitätsreduktion als der Problemlösung. Dieser Unterschied ist nicht rein akademisch. Zudem ist es nur ein kurzer Weg von der Anwendung des Erfahrungswissens hin zur Abschottung gegenüber neuen Problemen und deren Lösungsstrategien. Wer Erfahrungswissen produktiv anwenden möchte, darf nicht einfach darauf hoffen, dass man sich noch in der gleichen Situation befindet, in der man dieses Erfahrungswissen erwarb und wiederkehrend anwendete. Das ist beinahe niemals der Fall! Auch wenn man als Unternehmer gerne glaubt, vieles aus der Erfahrung heraus richtig gemacht zu haben – weil es das Unternehmen ja sonst nicht mehr gäbe – sitzt man unter Umständen gerade deshalb auf einem Haufen ungelöster, scheinbar unlösbarer Probleme. Häufig hingegen hat die Anwendung von Wissen, das ein Unternehmen vermeintlich erfolgreich gemacht hat, lediglich noch(!) keine negativen Folgen gezeitigt. Um im Beispiel zu bleiben: Solange noch Wasser aus dem Brunnen kommt, macht man sich natürlicherweise wenig Gedanken über das Absinken des Grundwasserspiegels in 10, 15 oder 20 Jahren. Wenn es kein Grundwasser mehr gibt, ist es zu spät.

Diese am Beispiel einer Computersimulation entwickelte Warnung wird immer seine Kritiker finden, denn eine Simulation sei schließlich nicht das „echte Leben“. Das ist richtig. Trotzdem ist das „echte Leben“ entschieden komplexer als die Simulation und angesichts dieser Komplexität ist es leider entschieden einfacher etwas falsch als etwas richtig zu machen.

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